Im Interview: Munkhbold Bold von Noble Nomads

Im Interview: Munkhbold Bold von Noble Nomads

März 28, 2021 0 Von FrauSonnenburg

Heute gibt es eine ganz spezielle Folge von meinen Bloginterviews: Munkhbold Bold vom Label Noble Nomads ist zu Gast für ein ganz besonderes Interview zu den Themen Nachhaltigkeit, edle Garne und das Leben der mongolischen Nomaden.

Lieber Munkhbold,

ich freue mich sehr, dass Du Dich für ein Bloginterview bereit erklärt hast. Ich bin sehr gespannt auf einen Ausflug in die Welt der mongolischen Nomaden und edlen Fasern!

Bloginterview - Noble Nomads - Mongolei - Munkhbold Bold
Copyright: Munkhbold Bold / Noble Nomads

Wie man nachlesen kann, hast Du Noble Nomads 2017 zusammen mit Deinem Bruder Tselmeg gegründet. Eure Mission ist „einen Beitrag zur Erhaltung der kulturellen Identität unseres Volkes leisten, indem wir helfen, hochwertige und ökologisch erzeugte Produkte der mongolischen Nomaden zu einem fairen Preis in Europa anzubieten.“

Wenn Du auf die vergangenen vier Jahre zurückschaust: Wie nah seid Ihr Eurem Vorsatz schon gekommen?

Wir haben in diesen vergangenen vier Jahren viel erreicht. Wir sind mittlerweile mit einer ganzen Reihe von Produkten, die unseren Ansprüchen an Qualität und Nachhaltigkeit entsprechen, auf dem europäischen Markt vertreten. Das macht uns sehr stolz.

Natürlich wissen wir auch, dass es noch ein weiter Weg sein wird, und wir haben in diesen Jahren auch so manche Rückschläge hinnehmen müssen. Nicht alle unsere Pläne sind aufgegangen. Aber es war uns von Beginn an absolut klar, dass es Schwierigkeiten geben würde, und wir haben aus unseren Fehlern gelernt. Das ist immens wichtig für die weitere Entwicklung von Noble Nomads. Letztendlich macht es uns allen großen Spaß diesen Weg zu gehen. Ja: wir sind unserem Vorsatz ein sehr großes Stück näher gekommen.

2005 bist Du nach Deutschland gekommen, um weiter Informatik zu studieren. Warum Deutschland, und nicht z. B. die USA oder Australien?

Es gibt natürlich auch in den USA und Australien sehr gute Unis, an denen man Informatik studieren kann, gar keine Frage. Aber was mich schon immer an Europa fasziniert hat ist diese große Vielfalt unterschiedlicher Völker auf engem Raum, ist diese immense Geschichte der unterschiedlichen europäischen Kulturen und dieses faszinierende Projekt, dass aus Feinden von früher Freunde von heute geworden sind. Und Deutschland befindet sich im Herzen von Europa, von hier aus sind alle anderen Länder leicht zu erreichen, hier ist man im absoluten Zentrum des Geschehens.

Viele meiner Leser werden keine Vorstellung haben von der Mongolei als Land. Kannst Du uns ein bisschen mitnehmen in Deine Heimat? (Beispielsweise – Was ist dort besonders, was ist dort so wie hierzulande, was ist dort völlig anders im Hinblick auf Landschaft, das soziale Zusammenleben, die Kultur und den Entwicklungsstand?)

Was ich vermisse ist die Endlosigkeit. In Deutschland, in Europa, egal wo Du Dich befindest gibt es immer Grenzen, ist der Horizont immer nahe. In der Mongolei ist alles grenzenlos, der Himmel, die Steppe – der Blick schweift in die Unendlichkeit. Das ist der schmerzlichste Unterschied. Und die Menschen in der Mongolei leben auch anders: Die Familie bildet immer noch das Zentrum, um das sich alles dreht. Die Probleme mit Corona, wie man sie hier vor allem in den Altenheimen sieht, gibt es so in der Mongolei nicht – alte Menschen bleiben in der Familie, machen sich dort bis ins hohe Alter hinein nützlich, nehmen am Leben teil.

Es gibt also viele Unterschiede, auch das Klima ist ganz anders. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Das Streben der Menschen nach Glück ist überall auf der Welt das gleiche, und auch, dass die meisten Menschen total in Ordnung sind. Schwierig wird es immer nur dann, wenn Gier und Macht von wenigen über die Interessen der Gemeinschaft gestellt werden. Und das ist auch gleich, in der Mongolei, in Deutschland und in Europa.

Bloginterview - Noble Nomads - Mongolei - Berge
Copyright: Munkhbold Bold / Noble Nomads

Erzähle uns bitte etwas über die Lebensweise der Nomaden in der Steppe. Wie gehen sie mit den extremen Witterungsbedingungen um? Und wie war das Nomadenleben für Dich als Kind und als Jugendlicher?

Die Lebensweise der Nomaden orientiert sich am Rhythmus der Jahreszeiten und an den Bedürfnissen unserer Tiere. Dem ordnet sich alles unter, und das ist ein sehr schönes, sehr sinnvolles Leben, im Einklang mit der Natur. Es ist natürlich auch ein sehr hartes Leben, Leben in den Jurten im Winter bei 40 Grad minus.

Immer steht das Wohl der Tiere an erster Stelle, diese sind unsere Lebensgrundlage. Ihnen verdanken wir unser Überleben, und deshalb tun wir alles, damit es ihnen gut ergeht. Wir haben über viele Generationen gelernt mit den Widrigkeiten der extremen Natur der Mongolei klarzukommen, aber genauso können wir ihre Schönheiten genießen.

Die Natur der Mongolei hat ein sehr stolzes Volk geschaffen, ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Und mein Leben als Kind war geprägt von Abenteuer, aber auch von vielen Pflichten. Wenn Du unter diesen Bedingungen überleben willst, dann müssen alle Familienmitglieder ihren Anteil leisten, auch die Kinder. Aber die Arbeit hat viel Spaß gemacht, wer hat hier schon mit 3 Jahren ein eigenes Pferd? Und dieses Leben hat mir viel Disziplin beigebracht.

Du bist in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar aufgewachsen, aber die Sommer hast Du bei Deiner Familie in der Steppe verbracht. Hast Du es damals schon so empfunden, dass Du in zwei Welten leben durftest?

Ich habe in zwei Welten gelebt, so wie heute wieder. Ich habe das damals so empfunden und ich empfinde das heute wieder so – als großes Glück, als großen Vorteil. Ich kenne beide Lebensweisen, habe gelernt mich auf beides einzustellen und das hilft mir auch heute sehr bei meiner Arbeit für Noble Nomads. Ich weiß, wie die Bewohner der Steppe, die Bewohner der Städte, wie Mongolen und Europäer ticken. Ich verstehe diese unterschiedlichen Sichtweisen auf viele Dinge sehr gut und versuche diese Erfahrungen in meine Arbeit einfließen zu lassen.

Welches Leben hat Dir damals besser gefallen: das urbane in der Hauptstadt, oder das einfache Leben der Nomaden? Und vermisst Du als Wahl-Berliner die mongolische Weite?

Ich war immer im Sommer, während der Schulferien bei meinen Verwandten in der Steppe. Das fand ich Klasse, besser als das Leben in der Stadt. Das ist sicher auch kein Wunder: Ferien, Freiheit, die Tiere, den ganzen Tag hoch auf meinem Pferd. Und ja, klar vermisse ich mein Land, meine Leute, die Endlosigkeit unseres Landes.

Für die Nomaden sind ihre Tiere die Existenzgrundlage. Deshalb sollte man meinen, dass das Tierwohl für die Nomadenfamilien an erster Stelle steht. Ist das so, und was bedeutet das konkret, z. B. Im Hinblick auf medizinische Versorgung und Fütterung?

Für uns kommen immer zuerst die Tiere. Danach richtet sich alles, der gesamte Lebensrhythmus, unsere Kultur, einfach alles. An den Tieren hängt die Existenz der gesamten Familie, ihr Stolz, und wir tun alles, damit es unseren Tieren gut geht. Die Tiere, die mit uns leben, sind extrem gut an die Verhältnisse in der Mongolei angepasst. Sie sind das ganze Jahr über in der Steppe. Dort geht es ihnen immer am besten. Beruhend auf unseren jahrhundertealten Erfahrungen, wissen wir genau, was wir tun müssen, damit es den Tieren gut geht.

Welche Tiere hält Deine Familie, und stammen die Fasern für die Noble Nomads Garne von dort?

Bloginterview - Noble Nomads - Mongolei - Herde
Copyright: Munkhbold Bold / Noble Nomads

Meine Familie hält Yaks, Ziegen, Pferde, Kamele und Schafe, und die Fasern für unsere Garne stammen von diesen Tieren.

Kannst Du meinen Lesern etwas darüber erzählen, wie die Fasern von den verschiedenen Tieren gewonnen werden, und wie sie den Weg zu Deinem Kooperationspartner Lang Yarns finden?

Das ist etwas unterschiedlich. Kamele verlieren ihre Wolle jährlich, diese sammeln wir ein, Ziegen und Yaks werden nach dem Winter gekämmt und Schafe, wie in Deutschland, geschoren. Die Haare werden dann gewaschen, entfilzt, Grobhaare entfernt, gekämmt und dann versponnen. Alles das wird noch in der Mongolei gemacht. Dann werden die Garne gewickelt und nach Europa geflogen und zu unserem Kooperationspartner LANG & CO. AG geliefert.

War es von Beginn an Euer Plan, Fasern für Handstrickgarne nach Europa zu importieren? Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit LangYarns?

Unser Plan war es, von Anfang an, alle unsere nachhaltig produzierten Naturprodukte in Europa zu vermarkten, natürlich auch Handstrickgarne. Wir haben viele verschiedene Test in unterschiedlichen Laboren gemacht und die Ergebnisse waren fantastisch. Aber trotzdem brauchten wir eine echte EXPERTENmeinung zu unseren Garnen. So habe ich an die Firma LANG & CO. AG ein E-Mail geschickt und Herr Lang (GF) hat mir persönlich beantwortet. Er wollte unsere Garne gerne testen und einige Maschenproben machen. Die Tests waren auch hervorragend. Ich denke auch, dass Herr Lang eine sehr naturverbundene Person ist und er unsere Firmenvision und unsere nachhaltige Produktion sehr gut findet. So unterstützt die Firma LANG & CO. AG auch die Erhaltung der Nomadenkultur und die reine, nachhaltige Faserproduktion.

Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf das Leben der Nomaden und ihrer Herden? (z. B. In Bezug auf die Faserqualität, die Herdengrößen oder die Höhe der Einkünfte der Nomaden)

Der Klimawandel beeinflusst unser Leben in der Mongolei zunehmend. Das größte Problem dabei ist die immer größer werdende Wasserknappheit. Es regnet weniger und demzufolge sind die Weiden weniger grün und weniger saftig. Viele Wasserstellen für unsere Tiere, auf die man sich in der Vergangenheit immer verlassen konnte, sind heute ausgetrocknet. Wir versuchen dem entgegenzutreten, indem wir versuchen, den Weiden Zeit zur Erholung zu geben. Dazu sind Absprachen der einzelnen Familien untereinander unerlässlich – das klappt bisher ganz gut. Und wir versuchen Wasserreservoirs anzulegen, die von allen Familien genutzt werden können.

Bloginterview Noble Nomads - Mongolei - Jurte
Copyright: Munkhbold Bold / Noble Nomads

Man kann in einigen Quellen lesen, dass den Nomaden und ihren wachsenden Herden die Schuld gegeben wird an der Versteppung der Landschaft: Die Kaschmirziegen reißen das Gras samt Wurzeln aus, und erst einmal wächst keine Pflanze mehr nach – während die Familie mit ihrer Herde weiterzieht. Wie beurteilst du diesen Vorwurf aus Deiner Sicht?

Zuerst einmal liegt das am steigenden Bedarf nach Kaschmir weltweit und damit steigenden Preisen. So etwas führt dann auf der Produzentenseite immer zu einer Reaktion, oft zu einer falschen. Das hat im konkreten Fall nicht so sehr mit der Anzahl der Tiere zu tun, sondern mit der Zusammensetzung unserer Herden. Über viele Jahrhunderte hinweg hat sich als ideales Verhältnis zwischen Ziegen und Schafen in einer Herde ein Verhältnis von 30 zu 70 herausgestellt. Also von 100 Tieren der gleichen Herde sind 30 Ziegen und 70 Schafe. Sicher, die 30 Ziegen reißen das Gras heraus. Aber das Gras, was zur gleichen Zeit 70 Schafe abgefressen haben, können sie nicht ausreißen, weil es zu kurz ist. So werden die Weiden schonend und nachhaltig abgeweidet, das Gras kann sich bis zur nächsten Saison wieder erholen.

Wenn ich nun, wegen der Preise für Kaschmir, alle Schafe abschaffe und durch Ziegen ersetze, habe ich ein selbst geschaffenes großes Problem. Wir bei Noble Nomads haben an der Zusammensetzung unserer Herden nichts geändert. Das Problem lässt sich zukünftig vor allem dadurch lösen, das immer mehr Stufen des Wertschöpfungsprozesses in der Mongolei stattfinden, dort also auch das Geld verdient wird. Das ist ganz klar Bestandteil unserer Strategie für Noble Nomads.

Teilweise gibt es Bestrebungen, die Kaschmirziegen in Farmen zu halten, wo sie auf eingezäunten Koppeln grasen können. Wie stehst Du als „Nomadenjunge“ dazu? Und was bedeutet die Umstellung auf Farmhaltung für die Nomaden?

Ich möchte die Lebensweise der Nomaden erhalten, ihre Kultur bewahren. Das widerspricht einer Farmhaltung unserer Tiere, damit werden nur neue, andere Probleme geschaffen.

Man muss sich ja nur mal das Leid der Tiere, auch in Deutschland, anschauen, die in sogenannten Agrarbetrieben gehalten werden. Die Gesundheit unserer Tiere und letztendlich auch die Qualität der Tierhaare, insbesondere auch von Kaschmir, ist von den weiten Wanderungen unserer Herden abhängig.

Westliche Konsumenten achten vermehrt auf Nachhaltigkeit bei den Produkten, die sie konsumieren. Wie ist die Haltung von Noble Nomads zum Thema Nachhaltigkeit? (Welche Haltungsform ist aus Deiner Sicht die nachhaltigere: Die Farmhaltung, bei der sich die Steppenbildung verzögern lässt und die Böden die Chance auf Regeneration erhalten? Oder die traditionelle Haltung der Nomaden, bei der auch ein Stück Kultur erhalten bleibt?)

Ich habe ja schon darauf hingewiesen, wie eine nachhaltige Form aussehen sollte. Seit vielen Jahrhunderten ziehen unsere Herden durch die mongolischen Landschaften. Und bis zum heutigen Tag hat das auch funktioniert — genau das ist ja Nachhaltigkeit. Wenn wir unsere Kultur bewahren, das Wissen unserer Vorfahren nutzen – zum Beispiel die Zusammensetzung der Herden im Verhältnis 30 zu 70 – und wie sie fürsorglich mit der Natur umgehen, dann ist die nomadische Lebensweise viel nachhaltiger als die industrielle Haltung von Tieren zusammengepfercht in Farmen.

Wie gehst du selbst mit diesem Konflikt um zwischen dem Kundenwunsch nach nachhaltigen Garnen und deinem Wunsch, alte Traditionen und Deine Kultur zu erhalten?

Das ist kein Widerspruch, kein Konflikt, Wir laden alle unsere Kunden ein, uns in der Mongolei zu besuchen. Wir hoffen, das wird bald wieder möglich sein. Wir haben eine Reise zu unseren Nomaden und ihren Tieren ausgearbeitet und wer möchte, kann dort unsere Gastfreundschaft genießen und sich von der Nachhaltigkeit unserer nomadischen Lebensweise überzeugen.

Bisher bietest Du drei Qualitäten über Lang Yarns an – Reines Kamelgarn, reine Yakfaser und reines Kaschmir, alle ausschließlich in den Naturfarben der Tiere, die die Fasern liefern. Planst Du auch melierte Farben, oder sogar gefärbte Töne außerhalb der natürlichen Farben?

Ja, wir planen ein weiteres Farbspektrum. Dazu gibt es bereits entsprechende Kundenanfragen. Natürlich werden das rein pflanzlich gewonnen Farben sein. An unsere Garne kommen keine chemischen Farbstoffe. Wir sind aktuell dabei eine Kooperation mit einem jungen Unternehmen aus Köln einzugehen. Die Philosophie der Firma Buttjebeyy hat uns sehr überzeugt. Wir freuen uns darauf dort unsere Garne färben zu lassen.

Wie geht es weiter mit den Garnen von Noble Nomads? Auf welche neuen Produkte dürfen wir uns freuen?

Aktuell haben wir neue Produkte, neue Garne aus Schafwolle. Dann wird es eine gesamte neue Linie geben, die Garne der Reihe NOBLE MONGOLIA haben wir speziell für Handfärbereien entwickelt, also Garne die sich perfekt zu Hause selbst färben lassen, ein ganz neues, bisher einzigartiges Produkt. Und dann haben wir, entsprechend der Jahreszeit (also für den Frühling/Sommer) eine neue Kollektion Garne zur Marktreife entwickelt, die dünner sind und eine längere Lauflänge haben, als unsere Herbst/Winter Garne. Wir empfinden das als äußerst spannend, unseren Weg immer weiter zu gehen und mit neuen Produkten die Geschichte von Noble Nomads fortzuschreiben.

Vielen Dank, Munkhbold!

Ich bin ganz hingerissen und berührt von all den spannenden Einblicken hinter die Kulissen! Dir und Noble Nomads wünsche ich weiterhin vollen Erfolg!

Die Garne von Noble Nomads könnt ihr bei Lang Yarns finden – und beim Fachhändler eurer Wahl erwerben.

Mehr über Noble Nomads hier bei Instagram und bei www.noble-nomads.de.

Mehr Bloginterviews findest Du hier: Blogserie „Im Interview“

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