Abenteuer Sea Glass Cardigan
Es gibt sie, die Strickprojekte, die auch die Erfahreneren unter den Maschenkünstlerinnen zum Staunen bringen: Der Sea Glass Cardigan von Wool & Pine.
Was auf den ersten Blick wie ein simpler Raglancardigan mit Schalkragen scheint, ist tatsächlich ein riesiges Strickabenteuer mit beachtlichem Materialbedarf und verblüffenden Techniken.
Aber von vorn:
Modellstrick für Mährlewolle
Wer hier schon eine Weile mitliest weiß, dass ich mit großem Fleiß und Eifer Modelle für Dagmar, „Frau Mährlewolle“ stricke. Das läuft so: Dagmar sucht sich ein Modell aus, das zu einer ihrer Garnlinien und ihrem Stil passt, und wenn ich das Modell gern stricken möchte und der Zeitplan passt, dann bekomme ich ein Garnpaket und die Anleitung dazu – und auf geht’s.
Viele schöne Modelle habe ich im Lauf der Zeit für Dagmar gestrickt, aber noch keines hat mich so gefordert wie der Sea Glass Cardigan. Im positiven Sinne!
Material: Bodenseeschaf
Das Bodenseeschaf ist die jüngste Garnlinie bei Mährle, und mit 150m Lauflänge auf 50 g auch die dünnste. Die Wolle stammt von einer Herde Merinoschafe, die – daher der Name – ganz in der Nähe von Dagmars Showroom am Bodensee grasen. Das aus der Wolle gesponnene Garn ist weich (nicht kuschelweich, sondern robust weich), hat einen schönen Stand und ist in 28 sagenhaften Farben erhältlich.
Die Farbvielfalt ist die Basis für den Sea Glass Cardigan: Denn dieser ist bunt. Sehr bunt.
Im Ravelry-Shop von Wool & Pine läuft die Anleitung unter „Stashbuster“: Denn die Anleitung eignet sich ideal zum Verstricken von Resten. Oder eben, um die Farbvielfalt einer Garnlinie in voller Schönheit zu zeigen.
So zog ein großes Paket mit 12 Farben Bodenseeschaf bei mir ein:

Und ich begann ganz naiv mit dem Projekt unter dem Motto „achnaja, so ein Raglanjäckchen“.
Stricken in der Runde, ohne in der Runde zu stricken
Wenige Reihen nach dem Anschlag hatte ich meinen ersten Aha-Moment:
Der Cardigan wird in Reihen gestrickt. Na klar, wirst du sagen, ist doch ein Cardigan, der ist doch vorne offen.

Das stimmt. Allerdings ist es auch ein Colourwork-Projekt: Jede Reihe wird glatt rechts mit zwei Farben gestrickt, immer eine Masche im Wechsel. Da sich rechte Maschen einfacher in zwei Farben stricken lassen als linke, werden solche Projekte üblicherweise gesteekt, also aufgeschnitten. Das verursacht bei vielen Stricker’innen allerdings Schnappatmung, Hier kommt die Anleitung vom Sea Glass Cardigan mit einer Lösung daher: Dem Faux Steek. Einem Steek, der nur so tut als ob.
Konkret bedeutet das: Jede Reihe wird im 1/1 Wechsel in den zwei Farben gestrickt. Dann werden die Fäden abgeschnitten, die Maschen auf der Rundnadel wieder zurück geschoben, und die nächste Reihe wird mit den nächsten beiden Farben gestrickt. Und so weiter.
Die Fadenenden werden am Anfang und Ende der Runde zu einer Art I-Cord verarbeitet und bleiben dann erst einmal lose hängen. Ich sag’s Dir – das hat mir mehr Schnappatmung verursacht als jeder Steek, den ich bisher gearbeitet habe! Denn obwohl das Bodenseeschaf so beschaffen ist, dass die Maschen schön stehen bleiben und der Faden sich mit dem Gestrick „verhakt“, zieht und zuppelt man während des Strickens doch an den Maschen – nein, das war mir nicht geheuer.
Also habe ich in der Anleitung ein bisschen nach vorne gespickt. Irgendwo musste ja die Auflösung stehen, was mit den losen Enden passieren sollte. Die Lösung ist ganz einfach: Die Fäden werden verknotet und dicht am Knoten abgeschnitten. Du liest richtig.
Das ist eine Menge Arbeit und kostet richtig viel Zeit. Meine Strategie war demnach, am Ende jeder Stricksession alle Fäden des gestrickten Abschnitts zu verknoten. So waren zum einen die losen Enden gesichert, und eine riesige unschöne Arbeit in kleine Abschnitte „filetiert“ und erledigt. Viele kleine Fadenabschnitte fallen dabei an:

Durch das stramme Verknoten der Fäden rollen sich die I-Cord-Kanten fein nach innen und verdecken die Knötchen: So entsteht tatsächlich die saubere Kante, die ich sonst vom Steeken kenne. Faszinierend!


Die Farbfolge
Dagmar hatte mir bei der Farbfolge freie Hand gelassen und nur die Farbe „Grünfink“ (ein sattes Grasgrün) als Hauptfarbe festgelegt. Die Anleitung bietet zwei Möglichkeiten:
- entweder wird eine Hauptfarbe in jeder Reihe verwendet, und eine zweite dient als Kontrast. Diese wird in jeder Reihe gewechselt
- oder Du verwendest in jeder Reihe verschiedene Farben. Z. B. in der ersten Runde Farbe A und B, in der zweiten Farbe B und C (oder auch A/B – C/D).
Die zweite Variante ist sicher ideal zum Verbrauch auch kleiner Reste. Für meinen Geschmack schien mir das allerdings zu bunt und unruhig. So entschied ich mich für den Grünfink als Basisfarbe für jede Reihe, und immer abwechselnd eine knallige und eine sanftere Farbe als Kontrastfarbe.

Für mich der ideale Kompromiss zwischen bunt und zu bunt.
Konstruktion des Sea Glass Cardigans
Vom Prinzip her ist der Cardigan ein ganz klassischer Raglancardigan: In jeder 2. Reihe erfolgen die Zunahmen für Ärmel und Körper, dabei wird die Raglanmasche jeweils abgehoben. Das ergibt einen schönen Effekt aufgrund der farbigen Garne:

Das Strickstück wächst also schnell ganz schön in die Breite. Sobald die endgültige Maschenzahl erreicht ist, werden die Ärmel stillgelegt. Das ist ein entscheidender Meilenstein, denn ab diesem Punkt geht es flotter voran.

Der Körper wird gerade gestrickt, wobei die Farbfolge und auch der Faux Steek unverdrossen weiter gearbeitet werden, bis die Wunschlänge (abzüglich Bündchen) erreicht ist.
Allmählich wurde mir die Hauptfarbe Grünfink knapp, und so habe ich erst einmal die Maschen des Körpers stillgelegt und das Bündchen auf später vertagt. Es begann das
Abenteuer Ärmel
Die stillegelegten Ärmelmaschen werden dazu auf die Nadeln genommen, und die Ärmel werden in der Runde gestrickt. Dabei wird die Farbfolge und das 1/1-Muster fortgesetzt. Auch hier werden nach den Farbwechseln die Fäden der Kontrastfarbe abgeschnitten.
Da hier nun kein Faux Steek gearbeitet wird, ändert sich die Technik ein wenig: Die Fadenenden werden nun direkt verknotet, und am Ende einewebt oder vernäht. Es gibt auch ein Anleitungsvideo zum Verbinden der Fäden beim Farbwechsel, das war mir aber zu aufwändig. Ich habe jeweils das Fadenende aus der Vorrunde mit dem Anfangsfaden der neuen Runde verknotet. Immer am Ende jedes Abends alle losen Fäden, damit nichts verrutscht.

Für die Ärmel werden regelmäßig Abnahmen gearbeitet, so reduziert sich der Rundenumfang mit der Zeit, und die Ärmel gingen ganz flott zu stricken. Es blieben nur so unendlich viele Fadenenden zu vernähen:

Da das Bodenseeschaf schön hakelig ist, haben sich die Fäden schön verheddert. Ich habe also erst einmal alle Fadenenden nach rechts und links „gekämmt“ und zurechtgelegt. Dann half mir ein sehr schlaues Werkzeug beim „vernähen“: Das addi Duett.

Nach gefühlt 1000 Stunden waren alle Fäden versteckt, und es stellte sich die Frage
Welche Farbe für die Bündchen und die Blende?
Der grasgrüne Grünfink war schon weit aufgebraucht, und da Dagmar mir also ohnehin noch Nachschub schicken musste, knobelten wir an der Frage, ob Blenden und Bündchen nun wirklich grasgrün werden sollten, oder vielleicht auch eine andere Farbe noch besser wirken könnte? Das Tolle ist ja, dass die Anleitung in diesem Punkt totale Freiheit bietet. Ohnehin ist man ja immer sein eigener Designer, und ich finde es erstaunlich, wie man mit Farbvariationen völlig neue Looks erreichen kann.
Fünf Varianten standen zur Auswahl:
- knallig mit den Farben „Schwarzhalstaucher hell“ (orange) oder „Gelbbauchunke unten“ (senfgelb)
- oder etwas dezenter „Grünfink dunkel“, „Grünfink“ oder „Grünfink hell“

Die Entscheidung fiel auf den hellen Grünfink, ein Grünton, der schwer zu fotografieren ist und in Richtung Salbeigrün geht.

Ich muss sagen, die Farbwahl ist genial. Das helle Grün ergibt genau den richtigen Kontrast zum bunten Rest des Cardigans, ohne zu „laut“ zu sein.
Beim Anstricken der Blende gab es schließlich noch den letzten Aha-Moment der Anleitung: Die Maschen werden aus den Maschen des Faux Steeks aufgenommen, und dadurch klappt sich der „falsche I-Cord“ artig nach innen und verdeckt sauber die zusammengeknoteten Enden. Ziemlich genial!

Für die Blende gibt es in der Anleitung wieder zwei Möglichkeiten: Einen Schalkragen und eine Version mit Knopfleiste, bei der die Knopflöcher nachträglich eingearbeitet werden. Die Technik ist sehr interessant, aber mein Bedarf an Strickabenteuern war inzwischen mehr als gedeckt. So entschied ich mich für den Schalkragen, bei dem ganz easy im 2/2 Rippenmuster vor sich hingestrickt wird und das Aufregendste die verkürzten Reihen sind.
Und dann war er endlich fertig, der Sea Glass Cardigan:

Eine wahre Schönheit!
Steckbrief Sea Glass Cardigan
- Anleitung (nur in englisch) von Woolandpine hier bei Ravelry
- Die Anleitung deckt 10 Größen ab für einen Brustumfang von 81 – 173 cm
- Anleitung enthält Links zu Video-Tutorials für die verschiedenen speziellen Techniken (Faux Steek, Verknoten der Fäden, Fake-I-Cord…) – diese sind auch ohne englische Sprachkenntnisse sehr gut nachvollziehbar und enorm hilfreich.
- Schwierigkeitsgrad: Vom Grundprinzip ist die Anleitung nicht schwierig (Top-Down Raglan ohne weitere Formgebung). Allerdings ist es eine sehr große Fleißarbeit, den Cardigan zu stricken, da sehr viele Fäden verknotet und vernäht werden müssen. Insbesondere bei der Blende sind die Reihen sehr lang. Das zweifädige Stricken erfordert ein bisschen Übung und Fingerfertigkeit. Gegen Ende ist der Cardigan schon ganz schön schwer und unhandlich. Aufgrund dieser Überlegungen halte ich den Cardigan nicht geeignet für Anfänger, da es ein wirklich zeitaufwändiges Projekt ist. Von der Designerin gibt es allerdings eine ganze Sea Glass Kollektion, u. a. für Pullover, Mütze, Cowl, Handstulpen…, anhand derer man schon mal „üben“ kann
- Gestrickt mit Nadeln 3,5 mm
- Verbrauch: 613 g / 1.839 m Bodenseeschaf (welche Farben ich genau verwendet habe, und den Verbrauch je Farbe findest du auf meiner Ravelry-Projektseite)
Verlinkt zu Augensterns Welt – Creativsalat – Lieblingsstücke – Ein kleiner Blog – Linkparty Stricken & Häkeln – Handmade Monday




Wow, das ist echt ein aufwändiges Strickprojekt, welches von dir super umgesetzt wurde. Danke für den Einblick in die interessante Technik.
Gruß Marion