Ein Interview mit… Rastus Hsu

Darf ich vorstellen: Rastus Hsu bei mir im Interview! Wir sprechen über das Leben als Strickdesigner in Taiwan, die Bedrohung durch China und Unisex-Strickdesign. (Das englische Originalinterview findest Du hier)

Vergangenen Sommer hatte ich die Ehre, den taiwanesischen Strickdesigner Rastus Hsu für Pascuali zu interviewen. Anlass für das Interview war Rastus* damals neu veröffentlichte Design : Oden Sweater, ein wunderbarer Zopfpullover. Das damals geführte Interview kannst Du hier (Englische Version) und hier (deutsche Übersetzung) nachlesen.

Ich mag die Entwürfe von Rastus, denn sie sind unkompliziet, aber haben alle ein gewisses Etwas. Strukturen sind ein entscheidendes Element in seinen Entwürfen. Ich finde es umwerfend, wie Rastus architektonische Strukturen und geometrische Formen in Strickmuster verwandelt. Knallige Farben spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei seinen Entwürfen.

Wie es zu diesem Interview mit Rastus kam

Während des Interviews für Pascuali las ich im Zeit Magazin einen Artikel über junge Taiwanesen und wie sie mit der Bedrohung duch China umgehen, die Insel zu besetzen und wieder an China anzugliedern. Mit der Bedrohung durch Russland und dem Ukraine-Krieg im Hintergrund, war ich neugierig auf Einglicke aus erster Hand, und der einzige Taiwanese, den ich kenne, ist Rastus.

Darüber hinaus hatte ich vorher Clarissa von Cozyknits ebenfalls für Pascuali interviewt, und auch ihr Buch Unisex Pullover stricken hier auf dem Blog rezensiert. So habe ich auch über das Thema „Unisex-Mode“ gegrübelt und darüber, was ein Design bzw. ein Kleidungsstück „männlich“ oder „weiblich“ macht. Auch im Bereich Unisex-Design ist Rastus vorne mit dabei – also schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe und lud Rastus für eine kleine Blog-Plauderei ein.

So freue ich mich also, unser Gespräch hier auf meinem Blog zu teilen. Es wird im ersten Teil politisch, das bringt das Thema Taiwan-Konflikt nun mal mit sich. Aber keine Sorge, im zweiten Teil sprechen wir natürlich über das, was Rastus und mich (und natürlich Euch, meine liebe Leserschaft) miteinander verbindet: Das Stricken! Also nehmt euch bitte ein wenig Zeit und erfreut euch an diesem Bloginterview mit einem sehr interessanten und sehr sehr netten Mann aus Fernost!

Rastus, vielen Dank, dass Du hier bei meinem Interview bist!

Wir in Europa verfolgen wir die politische Situation zwischen China und Taiwan in unseren Nachrichten. Ich frage mich, wie dieser Konflikt das tägliche Leben auf einer kleinen Insel beeinflusst, die von dem riesigen China bedroht wird? Hier in Mitteleuropa hatten wir Jahrzehnte relativen Friedens, und die meisten von uns können sich die Auswirkungen einer solchen Bedrohung auf den persönlichen Alltag nicht vorstellen. Wie fühlt sich die Situation für Dich an?

Die Situation ist sehr kompliziert, und es gibt auf Deine Frage keine eindeutige Antwort. Die Bedrohung Chinas gegen Taiwan besteht schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, Bis 1987 war in Taiwan das Kriegsrecht in Kraft. Nach meinem Eindruck sind die Taiwanesen sind der Bedrohung gegenüber auf eine gewisse Weise abgestumpft. Ohne Frage ist die Sorge latent vorhanden, aber wir Taiwanesen bemühen uns , das auszublenden und ein normales Leben zu leben. Das ist ein bisschen knifflig, denn die kulturellen und auch wirtschaftlichen Verbindungen zwischen China und Taiwan waren für lange Zeit sehr eng.

Die Kommunistische Partei weiß genau, dass es sehr schwer sein wird, Taiwan gewaltsam einzunehmen. So versuchten sie es auf clevere, perfide Weise über gehirnwaschende Propaganda, um so eine neue Bindung zu schaffen und zu erreichen, dass Taiwan sich nicht von China abwendet sondern aus eigenem Antrieb zurückkehrt.

Und hat dieser Plan geklappt?

Die Dinge haben sich nicht so entwickelt, wie China sich das vorgestellt hat, denn in Taiwan hat sich die Demokratie entwickelt. Heute ist Taiwan ein Land, wenn nicht DAS Land mit der größten Freiheit und der größten Vielfalt an Lebensformen. Immer mehr Taiwanesen und Taiwanesinnen wollen uns nicht mehr als Teil Chinas sehen: Aus diesem Grunde haben wri 2016 die Democratic Developed Party (DDP) gewählt und 2020 bestätigt. Deren klare Vision ist, dass Taiwan ein unabhängiger Stat ist, und die Regierung bemüht sich, die Notwendigkeiten für eine Abhängigkeit von China zu verringern.

Das ärgert natürlich die Kommunistische Partei, und seither haben sich die militärischen Drohgebärden Chinas und auch die Versuche, die wirtschaftliche Unabhängigkeit Taiwans zu zerstören, deutlich verstärkt. Dies alles in der Hoffnung, so das tägliche Leben in Taiwan zum Beispiel durch sinkende Einkommen negativ zu beeinflussen. Dadurch sollen die Taiwanesen „umgedreht“ werden und bei den nächsten Wahlen die Kuomingtan (KMT) zu wählen – also die pro-chinesische Partei.

„This is a view of my little town Danshuei, I’ve been living here for over 20 years and I love it more and more each day. If you ever visit Taipei, make a trip to here and it will be worth it.“

Wie wir wissen, schwelt der Konflikt seit Jahrzehnten. Warum wendet sich die Aufmerksamkeit der Welt Taiwan gerade wieder stärker zu?

Der Wendepunkt trat im vergangenen Jahr ein, als die damalige Sprecherin des Weißen Hauses, Nancy Pelosi Taiwan Anfang August 2023 besuchte. Der Besuch hat China sehr verärgert, und dazu veranlasst, die militärischen Drohungen weiter zu verschärfen. Da Frau Pelosi so eine bekannte und wichtige Figur in der internationalen Politik ist, haben es so die Nachrichten in die ganze Welt geschafft.

Wie siehst Du ganz persönlich die aktuelle Situation?

Um ehrlich zu sein, verhält sich China meiner Meinung nach nicht besonders schlau. Aufgrund der Drohgebärden wenden sich die Augen der Welt auf den Taiwan-China-Konflikt, und ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Menschen Taiwan unterstützen würden. Denn wir teilen die gleichen demokratischen Werte und die gleiche Sicht auf Menschenrechte wie viele westliche Länder.

Du gehst sehr offen mit Deiner Homosexualität um. Wie fühlt sich der Konflikt im Hinblich auf Deine persönliche Lage an, mit der Aussicht, vielleicht in einem abgelegenen Lager zu verschwinden, einfach nur, weil Du Du bist?

Ich hoffe natürlich sehr, dass dieser Tag niemals kommen wird. Wenn aber doch, habe ich mit meinem Mann abgemacht, dass wir dann nach Großbritannien gehen werden. Ich versuche aber, mich davon nicht zu sehr bedrücken zu lassen. Ich denke nicht, dass China den ersten Schritt machen und einen Krieg vom Zaun brechen würde. Aber natürlich weiß man nie, wozu diese autoritären Führer imstande sind, wenn sie ihre Macht demonstrieren oder absichern wollen.

Lass uns über ein weniger ernstes Thema sprechen – Deine Unisex-Designs. Ich habe für Dich schon einige Male testgestrickt (z. B. den Yessica shawl), und ich finde es sehr spannend zu sehen, dass Deine Entwürfe toll aussehen, egal, ob ein Mann oder eine Frau sie trägt. Was macht ein Design Deiner Meinung nach „männlich“ oder „weiblich“?

Rastus Hsu - Interview - Cidnor Vest -

Um ehrlich zu sein, lerne ich gerade in dem Bereich sehr viel und bin im Prozess, meine Ideen, wie ein perfektes Unisex-Design aussehen sollte, in Entwürfe und Anleitungen zu gießen.

Uns allen wird von klein auf beigebracht, dass bestimmte Farben, Formen oder Muster für Jungs sind und andere für Mädchen. In der Modewelt gibt es jedoch inzwischen verschiedne Designer, die diese Grenze zu verwischen versuchen, wie z. B. J.W. Anderson, Designer für LOEWE.

Für mich ist mein Wunsch ganz klar: Ich möchte, dass ein Kleidungsstück an allen Körpern jedes Geschlechts gut aussehen. Deswegen überlege ich ständig, welche Gestaltungselemente universell einsetzbar und schmeichelhaft sein können. Das allerdings ist wiederum eine sehr subjektive Überlegung, denn jeder und jede hat einen eigenen Geschmack und bevorzugt andere Silhouetten, Formen und Farben.

Kann es auch an unseren traditionellen Blickwinkeln liegen? So dass z. B. Mädchen Lochmuster und Mohäir mögen, Jungs dagegen unbehandelte Wolle?

Ich versuche, mich in meinen Entwürfen nicht zu sehr einzuschränken. Ich möchte Mohair benutzen und tragen, ich möchte auch Lochmuster verwenden und tragen.

Einzig die Form, die Silhouette, ist beim Unisex-Design knifflig. Die natürlichen Körperformen sind bei weiblichen und männlichen Körpern nun mal unterschiedlich, und es ist schon eine Herausforderung, ein Kleidungsstück so zu formen, dass es wirklich an jedem Körper gut ausschaut – wenn man von Oversize oder Boxy-Formen einmal absieht. Aber ich lerne stetig Neues hinzu, experimentiere gern und will Grenzen verschieben.

Eine ganz besondere Inspirationsquelle bei Unisex-Kleidung ist die koreanische Mode. Die haben es dort offenbar echt drauf, jedenfalls nach meinem Geschmack. In Korea sieht man Männer mit Mohairpulloven in knalligen Farben oder mit Lochmustern. Das ist insbesondere deshalb so interessant, weil die koreanische Gesellschaft sehr männlich geprägt ist.

Darüber denke ich sehr oft nach. Meiner Meinung nach ist alles eine Frage des Selbstvertrauens: Wenn Du ein Kleidungsstück ganz selbstverständlich trägst, dann spielt es überhaupt keine Rolle, welche Farbe oder welches Muster es hat. Du ziehst es einfach durch.

Vielen Dank, Rastus, für diese interessanten Einblicke in doch sehr spezielle Themen. Ich bin mir sicher, dass meine Leserschaft diese auch sehr interessant finden wird!

Ich habe zu danken – ich freue mich immer, wenn ich mich austauschen kann, und möchte gerne Leute mit meinen Themen erreichen.

Was gibt es als Nächstes auf Deiner Design-Liste?

Erst einmal gibt es was zu feiern: Ich freue mich riesig, dass ich Teil der Designer-Crew bin, die zum neuesten Laine-Buch „52 weeks of accessories“ , das gerade erschienen ist, beitragen durfte. Meine Stola Arrogami mit den aneinandergereihten Origami-Rauten hat einen frischen, modernen Look und eine dreidimensionale Struktur. Arrogami wird geradezu lebendig, wenn Licht auf die Collage aus Formen und Oberflächen trifft.

Und es gibt natürlich noch mehr in der Pipeline, über das ich noch nicht sprechen darf – bleibt einfach auf dem Laufenden auf meinen Kanälen:

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