Olya Shirt – ein „echtes“ Hemd

Wow, schon Oktober! Eigentlich wäre jetzt Zeit für die ersten herbstlichen Kleidungsstücke – bei mir gibt es aber heute noch eine kleine sommerliche Nachlese mit dem Olya Shirt.

Olya Shirt von Paper Theory Patterns

Den Schnitt von Paper Theory Patterns habe ich schon vor einiger Zeit bei I sew therefore I am entdeckt. Wow, das ist ja mal ein Design!

Olya Shirt und Shirt Dress - Modellskizze

Auf den ersten Blick ist es ein normales Hemd. Mit Kragen, Manschetten und Knopfleiste. Der Biick auf die Modellskizze „von hinten“ ist unspektakulär: Geteilte Rückseite, unten mit einer Dehnungsfalte für mehr Volumen.

Doch halt – was ist denn das für eine Ärmelkonstruktion? Es gibt kein vorderes Armloch: Die oberen Vorderteie sind an den Ärmel angeschnitten. Dabei verläuft die Ärmelnaht weiter vorn als üblich.

Als zusätzliches Detail sind in der Teilungsnaht zwischen oberem und unterem Vorderteil sind Taschen versteckt.

Zum Schnitt gehört auch eine Verlängerung zum Hemdblusenkleid, inklusive Gürtel. Mit über 18 EUR Kaufpreis ist der Schnitt nicht gerade ein Schnäppchen. Meine guten Erfahrungen mit dem Zadie Jumpsuit, der vor ein paar Jahren mal ein richtiger Blockbuster war, waren jedoch so positiv, dass der Schnitt ins Einkaufskörbchen wanderte. Ich ließ ihn damals auch gleich plotten. Und dann…

… lag er halt so rum. Jahrelang. Du kennst das.

Ein erstes Mal: Musselin

Musselin ist seit einiger Zeit ein totaler Renner. Wie üblich, habe ich mich dem Trend verweigert, bis er abflaut. Bisher war Musselin für mich ein Stoff für kleine Kinder, für Spucktücher oder Ähnliches. Dass es diese Stoffe lange nur in Pastell- und Nude-Tönen gab, machte sie nicht interessanter für mich.

Im Juni allerdings war ich bei bestem Wetter mehrere Wochen auf Usedom. Dort am Strand begegnete ich vielen Frauen in lockeren, langen Musselinblusen. Offen getragen, als Überwurf überm Badeanzug oder Bikini, und in knalligen, fröhichen Farben. Ich fing an, meine Vorurteile gegen den „Windelstoff“ zu überdenken. So ein luftiges Hemd, das könnte ich super brauchen, steht doch noch ein Urlaub in Marokko auf dem Plan.

Im Stoffladen in Bansin wurde ich fündig: Ein weißer Musselin, doppelt liegend, mit Herzen in dezentem Blau, Petrol, Ocker und Rosa. Rosa! Genau meins!

Und so kamen Stoff und Schnitt zusammen – der Herzchenmusselin und das Olya Shirt.

Olya Shirt: Ein anspruchsvolles Projekt

Wie schon gesagt: Olya ist ein „vollwertiges“ Hemd mit Kragen, Kragensteg, Manschetten samt Beleg, Kellerfalte im Rücken und Knopfleiste. Also nicht mal eben nebenher genäht, sondern ein ernstzunehmendes Projekt.

Schon beim Zuschnitt zeigte mir der Stoff, wo der Hammer hängt. Durch die knittrige Struktur und die zwei dünnen Stofflagen war recht schwierig, akkurat zuzuschneiden. Was mich wunderte war, dass der Stoff zwar sehr weich ist, aber dennoch ziemlich viel Stand hat und auch gar nicht so dünn ist wie gedacht.

Erst einmal habe ich, wie in der Anleitung angegeben, alle vorgegebenen Schnittteile mit H180 bebügelt. Das ist mir bei den Belegen der Ärmelschlitze auf die Füße gefallen. Hier liegt der Stoff am Ende vierfach, und mit Einlage drunter war das ein bisschen viel für meine kleine Nähmaschine. Besonders schön sind die Belege also nicht geworden,

Auch beim Kragensteg kam meine Maschine an ihre Grenzen. Den inneren Kragensteg habe ich deshalb ausnahmsweise per Hand angenäht.

Bluse aus weißem Musselin mit Herzen - Ärmelbeleg

Spannend ist, dass zuallererst die Ärmelschlitze genäht werden.. Erst dann beginnt das Zusammensetzung des Hemds. Vorteil ist, dass man einen knifflgen Schritt gleich zu Anfang hinter sich gebracht hat. Nachteil ist, dass man die Ärmellänge dann, wenn man die Bluse endlich anprobieren kann, nicht mehr korrigieren kann. Das ist ein bisschen blöd, wie ich finde.

Es sind übrigens die ersten „richtigen“ Ärmelschitzbelege, die ich je genäht habe. Hier kommt leider die Nähanleitung an ihre Grenzen.

Englichsprachige Anleitungen sind im Allgemeinen ja sehr ausführlich. Auch die vom Olya Shirt ist gut geschrieben und umfangreich. Wer allerdings, wie ich hier mit den Belegen am Ärmel – eine Technik noch nie genäht hat, der ist sehr froh, wenn es dazu einen Sew-Along gibt. Abgesehen von der misslichen Tatsache, dass das Modellhemd zwei gleich weiße Seiten hat, ist der Sew-Along wirklich gut gemacht – und so wurden dann die Ärmelschlitzbelege doch ganz leidlich.

Olya Blouse - Schulterdetail

Abgesehen von den üblichen Tücken eines Hemdes gab es nur noch eine knifflige Stelle: Auf der Schulter stoßen die rückwärtige Passe und der Ärmel mit angeschnittenem Vorderteil mit einem rechten Winkel aufeinander. Hier muss man ganz ordentlich nähen. Das gelingt gut, wenn man der Anleitung folgt, und ist auch mir ganz gut geglückt.

Nicht so zufrieden bin ich mit den Taschen, die sich in der Teilungsnaht des Vorderteils verstecken. Scheinbar ist der Stoff zu schwer und gleichzeitig zu labbrig: Die Taschen hängen so ein bisschen traurig und schlapp herum, obwohl ich die entsprechenden Bereiche am Ärmelteil und unterem Vorderteil verstärkt habe.

Dabei klebt der Taschenbeutel am Stoff des Vorderteils, was die Sache nicht ordentlicher wirken lässt. Zwischendurch hatte ich überlegt, die Taschen einfach wieder herauszutrennen. Auf der Modellskizze sieht man außerdem ein Knopfloch – die entscheidende Stelle in der Anleitung muss ich verpasst haben. So ist mein Taschenbeutel nun vorhanden, aber knopflos.

Die Knopfleiste wird witzigerweise im Bruch zugeschnitten, der Länge nach gefaltet und um die Vorderkante des Vorderteils genäht. Ich kannte bisher nur angeschnittene Knopfleisten. Bei der originellen Schnittführung hier hätte das allerdings ein bisschen knifflig werden können.

Richtig cool fand ich das Topstitching, das in einer Linie von der Vorderkante des Hemds entlang der Teilungsnaht über der Tasche entlang und weiter entlang der Teilungssnaht des Ärmels bis zur Manschette verläuft. Dieses Topstitching wird erst relativ spät durchgeführt, und hier gibt es einen tollen Kniff, die Naht bei geschlossener Ärmelnaht zu bewerkstelligen: Mit der „Donut-Technik“. Voll raffiniert, gar nicht so fummelig, wie es scheint – nur leider in der Anleitung nicht erwähnt, sondern nur im Sew-Along.

Olya Blouse - Topstitching - Donut-Methode

Es fehlen noch Manschetten und Kragen, und dann mein ewiger Angstgegner: Die Knopflöcher!

Eigentlich wollte ich die Knopflöcher in einer hübschen Kontrastfarbe nähen. Allerdings streikte meine Nähmaschine und verweigerte sich hartnäckig. Also gab es unauffällige weiße Knopflöcher, die kleine Unauffälligkeiten verzeihen. Merkwürdigerweise war meine Nähmaschine bei den vielen Stofflagen der Knopfleiste wirklich zickig ,ich schiebe es auf die Beschaffenheit des Musselins. Schließlich waren alle Knopflöcher genäht, und es stellte sich die Frage nach den passenden Knöpfen.

Im Fundus fanden sich welche aus blauem Perlmutt, diese habe ich zuerst angenäht, fand sie dann aber nicht ganz so passend. Ein Ausflug ins Stoffgeschäft brachte dann passendere: zwar aus Kunststoff, aber in genau dem Petrolton, der auch im Stoff vorkommt.

Olya Shirt: Tragefotos

Wie es sich gehört für einen ordentlichen Post zum Me-Made-Mittwoch gibt’s natürlich auch Tragefotos.

Wie du sehen kannst, sitzt Olya enorm oversize. Ich habe Größe 16 genäht, 14 wäre auch noch mit enorm viel Luft.

Hier kombiniert mit der geliebten pinken Madita und einem ärmellosen Kauftop drunter und mit der Frage: Offen tragen oder geschlossen? Gebügelt oder knittrig?

Olya Shirt - Tragefoto hinten

Die Länge hinten habe ich etwas verlängert. Denn ursprünglich schwebte mir ja ein „Strandüberwurf“ vor .Leider klebt der Musselin an allen anderen Stoffen, das ist mitunter dann etwas unvorteilhaft. Auf dem Foto oben sieht man aber gut die gemütliche Ärmelweite.

Mein Fazit zum Olya Shirt

Das Hemd ist ein ziemlich anspruchsvolles Projekt. Es sind über 60 Nähschritte zu erledigen bis zur Fertigstellung – also nichts für Nähanfänger. Wenn man schon ein, zwei Blusen oder Hemden mit Kragensteg und Manschetten genäht hat, ist es immer noch ein ambitioniertes Projekt, das sich mit Hilfe der Anleitung aus dem Sew-Along jedoch ´meistern lässt.

Meine Musselin-Version finde ich enorm gemütlich. Auf dem Foto unten trage ich das Hemd quasi als Jäckchen gegen die Sonne an einem der warmen Sommertage, die wir hier hatten, kombiniert mit der Putzigen Paula (inzwischen eine Lieblingshose bei hohen Temperaturen) und dem Lizzy-Top, an das ich mich nach langer Zeit mal wieder erinnert habe.

Olya Shirt und Putzige Paula

Allerdings ist Musselin nicht unbedingt die erste Wahl für den Schnitt, wie ich feststellen musste. Mein Stoff zumindest ist etwas zu schwer, deshalb beulen die Taschen so unschön. Auch glaube ich, dass die Features des Designs besser wirken, wenn der Stoff glatt ist und nicht so „krumpelig“ wie Musselin (selbst, wenn man ihn bügelt). Chambray, Batist, Leinen oder Viskose wären wahrscheinlich edler.

Ich persönlich bin allerdings ganz zufrieden mit meinem Herzchenhemd. Es darf auf jeden Fall mit in den Urlaub und dort an den Strand!


Verlinkt zu Memade Mittwoch – Handmade Monday – Ein kleiner Blog – Creativsalat – Lieblingsstücke