Das Wüstenkleid (Charlie Caftan Patternhack)
Bestimmt wunderst Du Dich über den Titel und über die Tatsache, dass ich im kalten, usseligen deutschen November über ein Wüstenkleid blogge. Lass es mich erklären: Ende September / Anfang Oktober waren wir für zwei Wochen in Marokko im Urlaub. Nachdem ich kurz vor Abflug die herrschenden Temperaturen mit Ende 30° / Anfang 40° C recherchiert und die Bestände an luftiger und gleichzeitig bedeckender Kleidung geprüft hatte, war klar: Es muss noch was zum Anziehen her!
Also wurde am Wochenende vor der Reise schnell ein Kleid genäht.
Stoff und Schnitt
Ein Stoff war schnell gefunden: Im Urlaub in Den Haag vor drei Jahren hatte ich mir für sagenhafte 5 EUR eine ganze Bahn von 6 yards afrikanischen Waxprint gekauft, in genau „meinen“ Farben: weiß, blau, gelb und schwarz. Mit einem nicht zu afrikanischen Muster, das mich an Gingkoblätter erinnert. Der Stoff war vorgewaschen und also bereit für die Verarbeitung.

Beim Schnitt musste ich etwas länger überlegen: Es sollte ein luftiger Schnitt sein, der sich aber schnell nähen lässt. Das Duplantier Dress war in der engeren Auswahl, auch das Kimono-Kleid, das ich im Juli beim Memademittwoch gezeigt habe – beide schienen mir mit Belegen, Kräuselungen oder vielen Schnittteilen dann doch zu aufwändig. Schließlich entschied ich mich für den Charlie Caftan, und beschloss, dem Schnitt Ärmel zu spendieren.

Den Schnitt von Closet Core Patterns habe ich 2023 entdeckt und zum ersten Mal genäht. Leider aus einem Stoff, dessen Farbe die Wäsche nicht gut vertragen hat und zum Ausbleichen neigt. Das Originalkleid von damals war mit im Urlaub, hat sich da ein letztes Mal sehr gut bewährt und ist nun in Rente geschickt. Ein Grund mehr für einen Nachfolger.
Der Schnitt ist relativ einfach: Ein Vorderteil mit raffinierter Form, Rückenteil, Taschen (!), Belege für den Halsausschnitt und ein Riegel, der die Bindebänder „beherbergt“. Großflächige Schnittteile – perfekt für das flächige Muster des Waxprints.
Patternhack: Ärmel für den Charlie Caftan
Beim Tragen des Kimonokleids, das Dreiviertelärmel hat, habe ich gemerkt, dass Ärmel auch bei heißen Tagen nicht unbedingt lästig und warm sind, sondern – sofern aus leichtem Stoff und weit geschnitten – durchaus Tragekomfort liefern und vor allem vor Sonne schützen.
Bei der Ärmelkonstruktion habe ich es mir einfach gemacht: Ich habe das Schnittteil vom Kimonokleid als Basis verwendet und das „Dach“ von der Ärmelform des Caftans abgenommen, nachdem ich die Schulternähte geschlossen hatte. Das sah dann so aus:

Da ich nicht sicher war, ob meine Idee funktionieren würde, habe ich am Ärmelausschnitt die ursprüngliche Nahtzugabe belassen und separat vom Ärmel versäubert. Sollte ich mich irgendwann umentscheiden wollen, könnte ich die Ärmel ohne Probleme heraustrennen und hätte dann die Originalversion mit überschnittenen Schultern. Wenn Du auf dem Foto unten genau schaust, kannst Du vielleicht erkennen, wie ich es meine:

Von den Marokkanern habe ich übrigens etwas Entscheidendes gelernt. Der „Charlie Caftan“ ist kein Kaftan.
Denn ein echter Kaftan ist ein Festkleid aus kostbarem Stoff, mit langen Ärmeln (!) und aufwändiger Stickerei. Kein Mensch dort trägt einen echten Kaftan im Alltag. In Marrakesch gibt es ganze Läden, die nur Kaftane anbieten, das war vielleicht ein Augenschmaus! Die Alltagsgewänder mit kurzem, halblangem oder langem Ärmel heißen Gandora. War mir bis dahin nicht klar – Reisen bildet! Durch meinen Patternhack ist mein Wüstenkleid dem Kaftan ein Stück näher gekommen 🙂

Mit Charlie in der Wüste
Ein Höhepunkt unserer unfassbar tollen Rundreise war eine Nacht in der Sahara, in einem Zeltcamp. Das war wirklich ein Erlebnis. Nicht nur, dass es im Camp WLAN gab (und 4G Handynetz!), sondern auch diese Weite, die Stille am Morgen bei Sonnenaufgang und diese weite, karge Landschaft – unvergesslich!
Am Wüstenmorgen vorm Zelt sind dann die ersten Tragefotos des Wüstenkleids entstanden.


Der Stoff ist zwar auffällig, aber ich finde, er ist wirklich perfekt für den Schnitt. Zudem ist er sehr dünn und leicht, aber blickdicht. Ich bin nicht sicher, ob ich nach drei Wäschen alles Wachs herausgewaschen habe, denn der Stoff hat immer noch etwas Stand, aber er ist total koffertauglich und knittert so gut wie gar nicht. Ein nicht unerhebliches Feature bei einer Rundreise, bei der man aus dem Koffer lebt.
Die Ärmel finde ich ziemlich gut gelungen, sie werden bleiben dürfen. Ich fand sie, wie beim Kimonokleid auch schon, gerade bei großer Hitze sehr angenehm. Sobald ein Lüftchen ging, flatterte der Stoff und kühlte schön. Ging kein Lüftchen, spielte das Thema Sonnenschutz die erste Geige. Ich finde auch nicht, dass die angesetzten Ärmel die Form des Schnitts stören, Man könnte fast meinen, sie seien von Anfang an so gedacht – was meinst Du?
Auf dem linken Foto ist der Riegel gut zu sehen, an dessen Unterkante das Vorderteil eingekräuselt wird und unter dem sich die Bindebänder verstecken. Auf der Innenseite hat er ein Gegenstück. Dieses einzunähen, was ziemlich am Anfang passieren muss, ist das Kniffligste am ganzen Nähvorgang. Diesmal habe ich mir tatäschlich die Mühe gemacht, die letzte der vier Nähte mit der Hand zu nähen, das kostet weniger Nerven, als perfekt im Nahtschatten zu arbeiten. Das ist nämlich nicht meine Kernkompetenz.


Rechts ist das Kleid mit meinen üblichen „Ausgeh-Accessoires“ zu sehen: Sonnenhut und Turnschuhe. Tatsächlich bin ich all die heißen Tage immer mit Turnschuhen unterwegs gewesen. Bei den Wegeverhältnissen im Hohen Atlas war das für mich die richtige Wahl. Und ich habe wirklich gestaunt, welche Tätigkeiten die Marokkaner mit Plastikschlappen verrichten (Auf dem Maultier reiten, Feldarbeit verrihten, auf dem Schiff rumklettern, Moped fahren…). Vermutlich bauen sie von Kleinkindbeinen an die entsprechende Muskulatur auf. Off Topic: Alle unsere Guides auf der Tour hatten einen ganz besonderen, sehr eleganten Gang, der irgendwie energiesparend aussah. Ich glaube, da können wir Europäer uns ein bisschen was abgucken.


Auf diesen beiden Fotos sieht man, wie schön leicht der Stoff im Wind flattert. Das fand ich super angenehm. Der Rockteil ist bis zum Knie geschlitzt, so kommt auch ohne Wind ordentlich Luft „von unten“ an den Körper. Geht ein Lüftchen, kühlt der Stoff zusätzlich. Allerdings muss ich an meiner Fähigkeit, die Bindebänder hinten mittig zu binden, scheinbar noch etwas arbeiten.
Tatsächlich habe ich für das Kleid mehrfach Komplimente von Wildfremden bekommen, vermutlich, weil sie den Stoff als afrikanisch erkannten und es exotisch fanden, diesen an einer Europäerin zu sehen.
Fazit: Ich bin überaus zufrieden mit meinem Wüstenkleid. Und ich denke, dass – in Anbetracht von Klimawandel und den vergangenen heißen Sommern – dieses Kleid auch künftig gern getragen werden wird.
Meine übrige Wüstenkleidung
Natürlich hatte ich nicht nur das Wüstenkleid und seinen Vorgänger im Gepäck. Dieser Urlaub war die perfekte Bühne (und Bewährungsprobe) für all die luftige Kleidung in meiner Garderobe, die in unseren norddeutschen Sommern so wenig Ausgang findet. Und jedes einzelne Stück hat sich prima bewährt:


Links: Duplantier Dress (von Elbe Textiles) Nr. 1, inzwischen auch schon fünf Jahre alt, aus Viskosekrepp. Rechts: Der „Ursprungskaftan„, der nun in Rente gehen darf. Auf der Karte zeige ich auf unseren aktuellen Standort, am nächsten Tag gings weiter in die Wüste (die drei Dünen unten auf der Karte, auf Hüfthöhe).


Links: Martha Overshirt von Style Arc, genäht 2024 und bisher kaum getragen. Kombiniert mit der Putzigen Paula ein perfektes Outfit zum Wandern und (kombiniert mit fachmännsich vom Guide gewickelten Chech) für den Kamelritt im Sandsturm.
Rechts: Wieder die Putzige Paula (der leichte Stoff war für die Wanderungen, die zu unserem Reiseprogramm gehörten, sehr angenehm). Hier in Kombination mit dem Boho-Shirt, das ich im Juni gezeigt habe.

Und, last not least, mein zweite Hope Woven Dress, ebenfalls von Style Arc. Hier königlich in Szene gesetzt auf dem Film-Trhon von Kleopatra in den Atlas-Filmstudios 🙂
Note to myself: Noch mal überlegen, ob das Rockfutter tatsächlich sein muss, das war mitunter etwas schwitzig und macht das Kleid insgesamt unnötig schwer.
Das Olya-Shirt vom letzten Monat, eine leinene Pirkko Pants und das Kimonokleid waren auch mit im Koffer, leider gibt es davon aber keine Fotos „im Einsatz“.
Noch ein ganz besonderes Kleidungsstück
Die Reise begann mit einem Riesenschreck: Mein Koffer hatte getrödelt und war nicht mit nach Marrakesch gekommen. So musste ich am Anreisetag, nach einer kurzen Nacht und bei 40°C in Marrakesch das Nötigste kaufen: Zahnpasta, Socken, Unterwäsche, was zum Wechseln. (Ja, ich höre schon die Reiseprofis: „Man hat IMMER was für den Notfall im Handgepäck“. Hatte ich nicht, nur Medikamente. Mach ich aber künftig, Ehrenwort!)
Mit Hilfe eines lustigen Taxifahrers fand ich ein echtes marokkanisches Kaufhaus (also eins, in dem man vom Silberschmuck über Drechsel- und Lederwaren bis zum Teppich ALLES kaufen konnte), und darin diese Gandora:

Bei aller Trauer um den verspäteten Koffer stellte sich dieses Gewand als Glücksgriff heraus. Es ist aus dünnem, leichten und blickdichtem Stoff (man sagt, Baumwolle, da bin ich mir aber nicht sicher, und es ist kein Etikett im Kleidungsstück), und herrlich weit und bequem geschnitten. Die Gandora hat zwei Besonderheiten, weswegen ich sie hier zeige:
Sie besteht aus nur zwei rechteckigen Schnittteilen, auf Belege wurde verzichtet. Die „Ärmel“ entstehen, indem vom unteren Saum in etwa 20 cm Abstand von den seitlichen Kanten je eine gerade Naht nach oben genäht wird. Diese hört auf, wenn die gewünschte Höhe des Ärmelausschnitts erreicht ist – Zack, man hat Ärmel, ohne wirklich welche genöht zu haben.
Zum anderen sind innen in der Gandora auf Taillenhöhe zwei Bindebänder angebracht. Damit kann man – von außen unsichtbar – den wallenden Schnitt etwas auf Figur bringen. Ähnlich wie bei meinem Wüstenkleid, nur unsichtbar. Dieses Kleid war in diesem Urlaub nicht nur aus Nähnerd-Sicht ein Gewinn, sondern auch super zweckmäßig, ich habe es vor allem abends beim Essen gern getragen.
Ach, und der trödelige Koffer fand mit einem Tag Verspätung dann doch noch seinen Weg nach Marrakesch!
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